In manchen Dörfern fährt der Bus dreimal pro Woche. Wer ihn verpasst, hat ein Problem – außer er kennt den Generationenbus. Oder das Rufbus-System des Landkreises. Oder die Mitfahrbank am Ortsrand. Mobilität auf dem Land funktioniert heute oft nur noch, weil Menschen kreative Lösungen gefunden haben – und weil andere dafür ehrenamtlich einspringen.
Enzo Mingolla ist 70 Jahre alt und kennt den Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim besser als die meisten. Seit vier Jahren fährt er für das NEA Mobil, ein Rufbus-System des Landkreises. Ähnlich dem Call-Heinz im Landkreis Würzburg. „Manchmal fahre ich in Dörfer mit vier oder fünf Häusern“, erzählt er. „Orte, die fast von Gott verlassen sind.“ Wer dort lebt und kein Auto hat – oder keines mehr fahren kann – ist auf Angebote wie dieses angewiesen.
Das NEA Mobil ergänzt den regulären Nahverkehr, vor allem in kleineren Orten. Es ist in den Verkehrsverbund Großramm Nürnberg (VGN) integriert und wird von der Firma Thürauf betrieben. Buchen kann man per Telefon oder App. Gefahren wird nur, wenn jemand auch tatsächlich fährt – kein Leerbus durch die Gegend. Bis zu zehn barrierefreie Kleinbusse stehen bereit, meist sind rund sechs gleichzeitig unterwegs. Zwischen April 2025 und März 2026 nutzten knapp 30.000 Menschen das Angebot, im Schnitt rund 100 Fahrgäste pro Tag – also täglich, nicht nur an Schultagen.
„Eigentlich jeder“, sagt Mingolla auf die Frage, wer das Angebot nutzt. Senioren, Familien, Jugendliche, Menschen mit Behinderung, Rollstuhlfahrer. Die Fahrzeuge sind barrierefrei ausgestattet, Kindersitze und Babyschalen gibt es ebenfalls. Viele Fahrgäste kennt Mingolla mittlerweile beim Namen. „Die Stammkundschaft kenne ich“, sagt er. Manche fahren mehrmals pro Woche mit ihm.
Besonders schätzt er den Preis. Für eine knapp 40 Kilometer lange Strecke zahlen Fahrgäste 22,60 Euro. Ein Taxi käme laut Online-Berechnung auf etwa 97,20 Euro. Dieser Unterschied ist für viele Menschen nicht abstrakt, sondern entscheidet darüber, ob sie zum Arzt kommen oder nicht. Mingolla selbst nutzt das NEA Mobil auch privat, wenn sein Auto in der Werkstatt steht – bereits mehr als zwanzig Mal in den vergangenen Jahren.
Doch nicht überall gibt es ein solches System. Und selbst wo die Infrastruktur vorhanden ist, zeigt die Praxis, wie schwierig Mobilität auf dem Land sein kann.
In Gnodstadt steht seit rund sechs Jahren eine Mitfahrbank. Die Idee: Wer mitgenommen werden möchte, setzt sich hin und wartet, bis ein vorbeifahrender Autofahrer anhält. Beim Selbstversuch vor Ort fuhr 45 Minuten lang kein einziges der rund 35 passierenden Autos an. Jana Bernard, stellvertretende Hauptamtsleiterin der Verwaltungsgemeinschaft Marktbreit, vermutet mehrere Gründe: Viele wüssten gar nicht, was eine Mitfahrbank ist. Und selbst wer es weiß, zögert. Fremde ins Auto – oder zu Fremden einsteigen – das widerspricht dem, was viele von Kindheit an gelernt haben. Eine ältere Anwohnerin erzählt, dass sie in sechs Jahren noch nie jemanden auf der Bank habe sitzen sehen. Dies gilt ebenfalls für die Mitfahrbänke im Nördlichen Landkreis Würzburg, z.B. in Bergtheim und Hausen.
Das ist kein Einzelfall. Kommunale Mobilitätsprojekte scheitern häufig nicht an der Idee, sondern daran, dass sie schlicht nicht bekannt genug sind oder die nötige Akzeptanz fehlt.
In einer kleinen Gemeinde im selben Landkreis versucht man es auf andere Weise. Ein ehrenamtlich organisierter Generationenbus soll vor allem Menschen zugutekommen, die kein Auto haben. Eine Vereinsmitgliedschaft kostet 12 Euro im Jahr, dazu kommen 35 Cent pro Kilometer und maximal 16 Euro pro Tag. Dreimal pro Woche gibt es feste Fahrten zu Arzt, Einkauf oder Krankenhaus, die nur einen Euro kosten. Die zweite Vorsitzende des Vereins ist überzeugt, dass das Angebot Zukunft hat. Allein in der Woche des Gesprächs seien drei neue Mitglieder eingetreten.
Was all diese Projekte eint: Sie reagieren auf ein Problem, das in der politischen Debatte oft zu wenig Raum bekommt. Während in Städten über Mobilitätswende, E-Autos und Fahrradinfrastruktur diskutiert wird, fragen sich Menschen in kleinen Gemeinden, wie sie zum nächsten Supermarkt kommen.
Genau das war auch Thema beim 205. Jugendpressekongress der young leaders GmbH in Berlin. Unter dem Leitthema „Nachhaltigkeit und Mobilität“ – unterstützt vom Bundesministerium für Verkehr – diskutierten junge Nachwuchsjournalisten mit Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Einer der Referenten war Prof. Dr. Jürgen Krahl, Präsident der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Er sprach über alternative Kraftstoffe und nachhaltige Mobilitätskonzepte und machte dabei deutlich, was Experten wie er immer wieder betonen: Technische Innovationen allein reichen nicht. Ohne kommunale Lösungen und lokales Engagement wird Mobilität auf dem Land langfristig nicht zu sichern sein.
Enzo Mingolla sieht das ähnlich – auch wenn er es einfacher formuliert. Was ihm an seiner Arbeit am meisten gefällt? „Der Umgang mit den Leuten.“